Brandbrief der Grundschulen an den Kultusminister

Presseerklärung der GEW-Fraktion des Gesamtpersonalrats der Lehrer/innen am Staatlichen Schulamt in Weilburg.

Grundschulen schreiben Brandbrief an den Kultusminister
Missstände in der Lehrerversorgung und der Umsetzung der Inklusion sowie des ganztägigen Unterrichts werden von den Kolleginnen und Kollegen der Grundschulen und den GEW Kreisverbänden Dill, Limburg, Oberlahn und Wetzlar aufgezeigt.
Nachdem immer mehr Überlastungsanzeigen, Petitionen und Beschwerden beim Hessischen Kultusministerium eingehen, wundern sich Lehrerinnen und Lehrer im Schulamtsbereich des Lahn-Dill-Kreis und des Landkreis Limburg-Weilburg sehr über die Reaktionen seitens des Kultusministers. In der Regel verweist die Antwort lediglich auf momentane Rahmenbedingungen und geht auf konkrete Belastungssituationen vor Ort nicht ein. Angesprochene Probleme werden schlichtweg ignoriert, stattdessen weist das Kultusministerium unermüdlich, zuletzt im Elternbrief zum Start des neuen Schuljahres, darauf hin, wie gut hessischen Schulen versorgt und ausgestattet sind. Dies entspricht weder der Wahrnehmung der Kolleginnen und Kollegen noch der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft.
Grundschullehrkräfte des erwähnten Schulamtsbereichs haben aus diesem Grund einen Brandbrief an den Kultusminister verfasst, in dem Missstände aufgezeigt und Forderungen mit Lösungsansätzen genannt werden. Wichtig ist allen Beteiligten die Klarstellung der Bereitschaft sich neuen pädagogischen Herausforderungen zu stellen und ihre Arbeit immer wieder sinnvoll, passend und mit vollem Engagement für die Kinder an den Schulen neu auszurichten. Die Bedingungen des Unterrichtens und Erziehens haben sich allerdings in den letzten Jahren so stark verändert, dass eine qualitativ gute Arbeit aufgrund äußerer Umstände teilweise nicht mehr oder nur noch durch Überlastung der persönlichen Ressourcen leisten werden kann. Folgende Aspekte werden von den Verfassern des Brandbriefes hervorgehoben:
Bereits längst vor Beginn des Schuljahres wurde eine öffentliche Diskussion über die Personalversorgung an Grundschulen geführt. Die Bildungsbehörde schrieb ehemalige Kolleginnen und Kollegen an, ob sie wieder unterrichten, damit alle Grundschulen versorgt werden können. Auch in einer Depesche des Hessischen Kultusministeriums im Februar diesen Jahres wurden Teilzeitlehrkräfte im Grundschulbereich aufgefordert, ihre Stundenzahl freiwillig zu erhöhen. Dieses Vorgehen steht gegensätzlich zu den Behauptungen, die Grundschulen seien gut mit Personal versorgt. Selbst die neoliberale „Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft“ (INSM) bescheinigt dem Land Hessen im „Bildungsmonitor 2018“ bei der Betreuungssituation und beim Lehrer-Schüler-Verhältnis einen miserablen Platz 13 im Bundesländervergleich. Kritisch wird die Situation gesehen, dass immer mehr Menschen als Lehrkräfte an Grundschulen arbeiten, die teilweise (noch) nicht das erste Staatsexamen haben – sie erteilen Unterricht, geben Noten, übernehmen Klassenführung –wurden zu Lehrerinnen und Lehrern gemacht, ohne es wirklich zu sein. Doch der Beruf der Grundschullehrerin/des Grundschullehrers ist komplex. Die Befürchtung erhärtet sich, dass junge Menschen, die ohne Qualifikation als Lehrkräfte in Schulen arbeiten, erstens in ihrer Arbeit nicht die notwendige Professionalität aufbringen können und dass zweitens diese jungen Menschen mit den komplexen Aufgaben überfordert sind. Durch diese Form der Bedarfsdeckung entsteht ein verzerrtes Bild des Lehrerberufs, als bringe eigentlich jede und jeder die Qualifikation des Lehrerseins mit.
Die gemeinsame Beschulung von Kindern mit und ohne sonderpädagogischen Förderbedarf (Inklusion) unterstützen alle Kolleginnen und Kollegen. In einer gelingenden Umsetzung der Inklusion ergeben sich große Chance zur positiven Entwicklung von Schule und Gesellschaft. Jedoch zeigt der Schulalltag, dass die Bedingungen der Inklusion häufig hinter die Bedingungen des Gemeinsamen Unterrichts zurückfallen. Oft wird berichtet, dass inklusives Arbeiten zu einem belastenden Faktor geworden ist. Die Mehrbelastungen, besonders im Hinblick auf Differenzierung, Elternarbeit, Arbeit in multiprofessionellen Teams, Koordination mit Teilhabeassistenten, Gesprächen mit außerschulischen Institutionen (Jugendamt, Ärzten, Therapeuten) sowie der Vorbereitung von Förderausschüssen, sollten in der Zukunft bei der Stundenzuweisung und der Pflichtstundenzahl berücksichtigt werden.
Das ganztägige Arbeiten ist, aufgrund der Chancen, die ganztägiges und damit längeres gemeinsames und rhythmisiertes Lernen bietet, eine Möglichkeit der Verbesserung des Unterrichts und der Schulorganisation. In der konkreten Umsetzung ergeben sich im Alltag jedoch große Probleme. Die zur Verfügung gestellten Ressourcen reichen bezogen auf bauliche Voraussetzungen und auf die Anrechnung der Stunden innerhalb des Ganztags an vielen Schulen nicht aus. Alle pädagogischen Angebote innerhalb der Schule bedürfen – wenn sie professionell ausgeführt werden sollen – der Vor- und Nachbereitung. Sie müssen deshalb als ganze Unterrichtsstunde angerechnet werden. Häufig erfolgt aber leider nur eine Anrechnung als halbe Unterrichtsstunde für z.B. außerunterrichtliche pädagogische Angebote am Nachmittag. Ein weiteres Problem ist, dass keine weiteren Ressourcen für nichtpädagogisches Personal, die Koordination mit außerschulischen Institutionen sowie die notwendige Arbeit in multiprofessionellen Teams zur Verfügung gestellt werden. Wenn Ganztag gelingen soll, müssen Schulleitungen und Kollegien anrechenbare Zeiten für die Koordination und den Mehraufwand zur Verfügung gestellt bekommen.
Viele Lehrkräfte beobachten, dass die Anforderungen an Schule allgemein in den letzten Jahren stark gestiegen sind. Nicht nur im Zusammenhang mit der Frage nach ganztägigem Lernen wird der Erziehungsauftrag an Schulen im Allgemeinen umfassender. Durch allgemeine und besondere Beratungsaufgaben, die Unterstützung von Kindern (und Eltern) mit geringen Deutschkenntnissen, die Zusammenarbeit mit außerschulischen Institutionen, die sich ausweitende individuelle Förderplanung und eine immer häufiger zu beobachtende Verrohung kamen neue und teilweise emotional belastende Aufgaben auf die Lehrkräfte zu. Das Berufsbild des Grundschullehrers/der Grundschullehrerin und die Herausforderungen, in denen wir stehen, sind also deutlich komplexer geworden. Der Brandbrief an Kultusminister Lorz soll diese Zunahme an Komplexität aufzeigen! Gute Bildung braucht bessere Bedingungen! Um diese Forderung laut und deutlich auch in den hessischen Wahlkampf zu tragen, ruft die GEW Hessen darüber hinaus alle ihre Mitglieder sowie alle in Bildungsfragen Engagierten auf, sich an den Demonstrationen und Kundgebungen am Samstag, 22. September 2018 in Kassel und Frankfurt zu beteiligen.