Keine Amateure in hessische Schulen – wir brauchen qualifizierte Lehrkräfte!

Presseerklärung des KV Limburg zum Lehrkräftemangel:„Niemand würde sich von einer Krankenschwester am offenen Herzen operieren lassen!“

Nicht und nicht ausreichend qualifizierte Beschäftigte an hessischen Schulen produzieren Chancenungleichheit der Kinder und Jugendlichen – besonders in sozialen Brennpunkten. Die Betreuung und Anleitung dieser Personengruppe stellt für die Kollegien eine hohe zusätzliche Belastung dar, da oft versucht werde, Schlimmeres zu verhindern. Die hr-Journalistin Petra Bollmann-Boberg hatte sich für elf Wochen als „Aushilfslehrerin“ an einer Wiesbadener Brennpunktschule verdingt, um einen tieferen Einblick zu bekommen und hat diese Erfahrung und ihr Scheitern beeindruckend dokumentiert.

Dass der Einsatz von Aushilfskräften in Schule nötig geworden ist, ist das Ergebnis jahrelang verfehlter Bildungspolitik. Die GEW Hessen hat schon vor 15 Jahren Zahlen vorgelegt, dass nicht genügend Lehrerinnen und Lehrer ausgebildet werden. Der Mangel an ausgebildeten Lehrkräften wird in den kommenden Jahren sehr viel größer sein, als vom Kultusministerium angegeben: im Schuljahr 2022/23 bei 1450 und 2023/24 bei 1300 fehlenden Lehrkräften, während das HKM von ca. 600 ausgeht.

„Dass ausgerechnet die jüngsten Schülerinnen und Schüler – auf deren Lernanfang es besonders ankomme – in der Grundschulbildung um ihre bestmögliche Förderung und besten Chancen gebracht werden, wird von Regierungsseite billigend in Kauf genommen“, so Anna Held, Vorsitzende des GEW Kreisverbandes Limburg. „Schlimmer ist, dass Amateure als Quereinsteiger in Grundschulen die Leistungen der Schülerinnen und Schüler beurteilen, teils ohne jegliche pädagogische Vorerfahrung“.

„Der Trend, dass Eltern ihre Kinder zunehmend in Privatschulen schicken, macht darüber hinaus sehr nachdenklich“.

Systematische Qualifizierungsangebote gibt es in Hessen nur für solche Lehrkräfte, die bereits ein Lehramt erworben, das heißt ein Erstes und Zweites Staatsexamen abgelegt haben und dort keine Stelle finden. Einen solchen Bewerberüberhang gibt es derzeit nur im Bereich des Lehramts für Gymnasien, in geringem Umfang bei einigen Fächern für das Lehramt an Haupt- und Realschulen. Diese Kolleginnen und Kollegen können eine Weiterbildung für die Lehrämter Grundschule und Förderschule absolvieren:

  • Für das Lehramt Grundschule dauert die Weiterbildung drei Jahre. Im ersten Halbjahr haben die Lehrkräfte keine Unterrichtsverpflichtung, in den nächsten beiden Jahren steigt sie auf 23 bzw. 23,5 Stunden und ausgerechnet im Prüfungssemester sogar auf 26,5 Stunden.

  • Für das Lehramt Förderschule dauert die Qualifizierung zwei Jahre bei einer Unterrichtsverpflichtung von 17,5 Stunden.

Bei einer erfolgreichen Teilnahme wird das Lehramt an Grundschulen bzw. Förderschulen erworben. Nach weiteren drei Jahren als Grund- oder Förderschullehrkraft besteht die Möglichkeit, mit dem zuvor erworbenen Lehramt wieder am Einstellungsverfahren für eine HR-Schule oder ein Gymnasium teilzunehmen. Aufgrund der geringen Bewerberzahlen und dem wachsenden Bedarf in den HR-Schulen und Gymnasien ist nicht mit einer Fortsetzung der Programme zu rechnen.

Auch die Durchführung der ersten Durchläufe ist bei den betroffenen Lehrkräften mit großem Ärger und massiven Belastungen verbunden. Die Beschwerden betrafen insbesondere den geringen Praxisanteil, die mangelnde Vorbereitung der Dozentinnen und Dozenten für diese neue Aufgabe, die weiten Anfahrtswege zu zentralen Veranstaltungen für ganz Hessen, die fehlende Verzahnung der Weiterbildungsangebote mit der schulischen Organisation, die extrem hohen Belastungen durch Hausarbeiten und die Kompensation von krankheitsbedingten Fehlzeiten durch zusätzliche schriftliche Aufgaben – und all das in Verbindung mit einer außerordentlich hohen Unterrichtsverpflichtung und der Einbindung in alle außerunterrichtlichen Verpflichtungen.

Ca. 5000 Beschäftigte in Hessens Schulen verfügen über kein Lehramt - statt dies billigend in Kauf zu nehmen, sollten qualifizierte Anreize - wie eine gleichwertige Bezahlung ausgebildeter Grundschullehrkräfte, wofür sich die GEW seit über 5 Jahren stark macht - endlich in Angriff genommen werden.